Alles Töchter aus guter Familie

Autor:
Utta Danella
Verlag:
Goldmann
Jahr:
1992
Seitenzahl:
239
ISBN:
9783442410651
Medium:
Taschenbuch
Sprache:
Deutsch
Anbieter:
(355)

Artikel angeboten seit:
06.10.2011
Tickets
Zustandsbeschreibung
guter gelesener Zustand, Schulnote 2-3
Beschreibung
Ich bin das schwarze Schaf meiner Familie. Dabei versteh' ich gar nicht, wie es dazu gekommen ist. Alle fanden, ich sei so ein niedliches Kind. "Nein, wie reizend", sagten die Verwandten und Bekannten, wenn ich auftauchte. "Sie ist nur furchtbar lebhaft", erklärte dann Mama mit einem Seufzer, doch gleich darauf begann sie voller Stolz, von meinen beachtlichen Talenten und Fähigkeiten zu erzählen.

Die Leute fanden mich weitaus amüsanter als meine ältere Schwester, die unter uns gesagt immer ein wenig langweilig war. Inzwischen hat sich Marlise zu einer Schönheit ausgewachsen, alles an ihr ist vollkommen, anmutig und von ausgewogenem Maß. Ihr Haar ist goldblond und stets herrlich frisiert, ihre Haut makellos und blütenrein, ihr Lächeln immer ein wenig kühl und uninteressiert. Mit einem Wort, eine richtige Dame. Ich finde aber immer noch, daß sie langweilig ist. So viel Vollkommenheit auf einem Fleck, wer kann das ertragen. Ich bin neugierig, wie lange Eugen es ertragen wird. Eugen ist der Mann, den Marlise vor bald einem Jahr geheiratet hat. Er ist schrecklich reich und entsprechend anspruchsvoll. Das beschreibt mehr als viele Worte, wie schön meine Schwester ist. Sie hat eine blendende Partie gemacht, und Mama platzt vor Stolz darüber.

Übrigens hat Mama auch noch mal geheiratet, das ist jetzt ungefähr drei Jahre her. Soweit ist mein Stiefvater ganz erträglich, früher bin ich auch ganz gut mit ihm ausgekommen. Man gibt sich halt Mühe, nicht? Zu viel darf man ja auch von den Menschen nicht erwarten. Und so etwas Wundervolles wie meinen richtigen Vater gibt es sicher auf der ganzen Welt nicht mehr. Es wird immer der größte Kummer meines Lebens sein, daß er so früh gestorben ist und mich allein ließ. Mit ihm hab' ich mich am besten verstanden, er hat mich liebgehabt, genauso, wie ich bin. Ich glaube, Mama hat nie richtig begriffen, was sie an ihm hatte.

Und Georg L. Federmann, den sie dann geheiratet hat, nachdem es uns einige Jahre recht mager gegangen ist, also Herr Federmann, mein Stiefvater, war damals ein ganz umgänglicher Mensch. Ein bißchen vierschrötig vielleicht und etwas beschränkt. Aber sonst ganz tüchtig in seinem Beruf. Das Dumme war, daß er sich immer mehr in die Politik hineindrängelte. Seit einiger Zeit ist er Stadtrat, und der Traum seines Lebens ist, in den Bundestag gewählt zu werden. Er hat das letzte Mal schon kandidiert, allerdings erfolglos. Alles dreht sich bei uns darum. Mit seiner Parteiarbeit hat er es furchtbar wichtig und führt deshalb neuerdings mit Vorliebe moralische Reden. Das Gesicht, das er dabei schneidet! Sehenswert. Aber er hofft, sich auf diese Weise bei seinen einflußreichen Parteifreunden beliebt zu machen.

Auch mein Schwager, Marlises Mann, mit seinem großen Betrieb, hat viele gute Verbindungen, er kennt eine Menge großer und prominenter Leute. Na ja, Herr Federmann wird es schon schaffen. Mama ist auch tüchtig hinterher, sie ist in einer Anzahl von Ausschüssen und Vereinen und macht eine Menge Wind. Vermutlich sieht sie sich schon als First Lady. Meinen Segen haben sie. Aber im Grunde genommen mache ich mir nicht sehr viel aus ihnen. Ist vielleicht nicht hübsch, wenn ein junges Mädchen so von seinen Eltern spricht, aber so ist es nun mal. Und daß ich von der Schule geflogen bin, das war wirklich Pech. Ich hätte eben in Chemie besser aufpassen sollen. Oder war's in Physik? Dann hätte ich gewußt, wie stark die Sprengladung sein darf. So hab' ich sie halt zu stark gemacht. Ich wollte nur, daß es im Schrank ein bißchen brennt, gerade so viel, daß die Lateinarbeiten verbrennen, die Professor Klux dort eingeschlossen hatte. Aber dann ist das Ding viel zu früh losgegangen, mitten in der Zeichenstunde, der ganze Schrank ist in die Luft geflogen, Fräulein Mertens ist in Ohnmacht gefallen und hat sich eine Riesenbeule geschlagen. Künstlerpech! Der Direx meinte, nun lange es ihm mit mir. Vielleicht hätten sie sich noch einmal erbarmt, wenn ich ein wenig mehr Reue gezeigt hätte, denn mein Stiefvater ist immerhin in der Stadt sehr angesehen. Aber wie sie mich vor das versammelte Lehrerkollegium riefen, und Fräulein Mertens war da, mit der Beule und dem gekränkten Gesicht, und alle blickten mich an, als sei ich der leibhaftige Satan, da hab' ich gelacht. Teils weil Fräulein Mertens so komisch aussah, teils aber auch aus Trotz und Opposition, ich gebe es zu. Da meinten sie, an mir sei doch wohl Hopfen und Malz verloren, und die armen Eltern könnten ihnen leid tun. Herr Federmann wollte auch gar nicht, daß ich noch in Düsseldorf bleibe.
Schlagworte
k.A.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Nora Roberts
Tickets:
Nora Roberts
Tickets:
Nora Roberts
Tickets:
Nora Roberts
Tickets: