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Wo fahren wir hin, Papa?
Beitrag
erstellt am
(18123 Beiträge)
Hallo,
ich hab das Buch heute Nacht in einem Rutsch gelesen und bin ein wenig zwiegespalten.
Wie hat es Euch denn gefallen oder was sagt Ihr dazu?
Hier mal meine Rezi:
Ich hab das Buch heute Nacht in 45 Minuten durchgelesen.
Jean-Luis Fournier beschreibt in seinem Buch "Wo fahren hin, Papa?" das Leben mit zwei schwerstbehinderten Söhnen, Mathieu und Thomas.
Mathieu, der Erstgeborene, kommt schwerbehindert auf die Welt. Als man die Diagnose (man erfährt nicht, woran die Kinder leiden) zu akzeptieren lernt, wird seine Frau erneut schwanger. Man hofft, dass es dieses Mal ein "normales" Kind wird, wonach es auch allen Anschein nach aussieht. Doch auch Thomas wird sein Leben lang behindert bleiben.
Jean-Luis Fournier beschreibt nun in seinen sehr kurzen Kapiteln das Leben mit eben seinen zwei Söhnen. Mathieu, der eigentlich nur "Brumm Brumm" von sich geben kann und deswegen am besten LKW-Fahrer werden sollte und Thomas, der immer nur fragt "Wo fahren wir hin, Papa?.
Fournier ist in meinen Augen sehr zynisch und sarkastisch und kommt anscheinend nicht anders mit dieser Situation klar. Ein Beispiel dafür ist, als er Josee, die Haushaltshilfe am geöffneten Fenster stehen sieht und sie fragt, warum sie die Kinder aus eben diesen geworfen hätte. Sie wären zwar behindert, aber zu solchen Maßnahmen müsste man doch nicht greifen.
Josee war verständlicherweise entsetzt.
Auch kommt es mir so vor, dass Fournier einen "Schuldigen" für die Behinderung seiner Kinder sucht.
Es scheint durch, dass er seine Söhne durchaus liebt, trotz allem kommt er mit deren Situation ein Leben lang nicht klar.
Was ich sehr schade finde, ist, dass nur am Rande die gesunde Tochter, Marie, erscheint und auch die Trennung von seiner Frau spiegelt sich nur am Anfang eines Kapitels in einem einzigen Satz wieder.
Fazit:
Ein Buch, was durchaus nachdenklich macht. Allerdings trieft es mir zu sehr von Zynismus und Sarkasmus. Ich hätte gerne mehr über das Leben als Familie insgesamt erfahren und nicht nur kleine Bruchstücke daraus. Aber gerade oder trotz dieses teilweise arg sarkastischen Schreibstils bekommt das Buch von mir 4 Punkte. Alles andere hätte es wahrscheinlich nicht so eindringlich werden lassen.
ich hab das Buch heute Nacht in einem Rutsch gelesen und bin ein wenig zwiegespalten.
Wie hat es Euch denn gefallen oder was sagt Ihr dazu?
Hier mal meine Rezi:
Ich hab das Buch heute Nacht in 45 Minuten durchgelesen.
Jean-Luis Fournier beschreibt in seinem Buch "Wo fahren hin, Papa?" das Leben mit zwei schwerstbehinderten Söhnen, Mathieu und Thomas.
Mathieu, der Erstgeborene, kommt schwerbehindert auf die Welt. Als man die Diagnose (man erfährt nicht, woran die Kinder leiden) zu akzeptieren lernt, wird seine Frau erneut schwanger. Man hofft, dass es dieses Mal ein "normales" Kind wird, wonach es auch allen Anschein nach aussieht. Doch auch Thomas wird sein Leben lang behindert bleiben.
Jean-Luis Fournier beschreibt nun in seinen sehr kurzen Kapiteln das Leben mit eben seinen zwei Söhnen. Mathieu, der eigentlich nur "Brumm Brumm" von sich geben kann und deswegen am besten LKW-Fahrer werden sollte und Thomas, der immer nur fragt "Wo fahren wir hin, Papa?.
Fournier ist in meinen Augen sehr zynisch und sarkastisch und kommt anscheinend nicht anders mit dieser Situation klar. Ein Beispiel dafür ist, als er Josee, die Haushaltshilfe am geöffneten Fenster stehen sieht und sie fragt, warum sie die Kinder aus eben diesen geworfen hätte. Sie wären zwar behindert, aber zu solchen Maßnahmen müsste man doch nicht greifen.
Josee war verständlicherweise entsetzt.
Auch kommt es mir so vor, dass Fournier einen "Schuldigen" für die Behinderung seiner Kinder sucht.
Es scheint durch, dass er seine Söhne durchaus liebt, trotz allem kommt er mit deren Situation ein Leben lang nicht klar.
Was ich sehr schade finde, ist, dass nur am Rande die gesunde Tochter, Marie, erscheint und auch die Trennung von seiner Frau spiegelt sich nur am Anfang eines Kapitels in einem einzigen Satz wieder.
Fazit:
Ein Buch, was durchaus nachdenklich macht. Allerdings trieft es mir zu sehr von Zynismus und Sarkasmus. Ich hätte gerne mehr über das Leben als Familie insgesamt erfahren und nicht nur kleine Bruchstücke daraus. Aber gerade oder trotz dieses teilweise arg sarkastischen Schreibstils bekommt das Buch von mir 4 Punkte. Alles andere hätte es wahrscheinlich nicht so eindringlich werden lassen.
24.10.2009 13:27:10
(531 Beiträge)
Hallo Josie,
mir ging es ähnlich. An einer Stelle sagt Jean-Luis Fournier einmal, er wolle nicht, dass von seinen Söhnen nur Fotos im Schwerbehindertenausweis bleibe. Aber leider bleibt nun von ihnen die Enttäuschung, die sie ihrem Vater bereitet haben, in Erinnerung. Ich empfand das Buch auch als sehr zynisch und anklagend. Positives kommt fast gar nicht vor. So sagt Fournier einmal, dass ihn seine Söhne oft - und zwar auch absichtlich - zum Lachen brachten, aber er versäumt es, diese Situationen zu schildern. Aus einem Fernsehbericht, so erzählt er verbittert im Buch, haben einmal die Redakteure seine Berichte über das gemeinsame Lachen mit seinen Söhnen herausgeschnitten. Warum nutzt er im Buch nicht die Gelegenheit, nun an dieser Stelle davon zu erzählen?
Keine Frage, es ist ein sehr hartes Schicksal, das ihn getroffen hat. Aber ich habe nicht den Eindruck gewonnen, dass er damit fertig geworden ist. Und ehrlich gesagt, haben mich seine Enttäuschung und seine Wut eher abgestoßen. Niemand kann etwas für dieses Schicksal, vor allem nicht seine Söhne.
Lili
mir ging es ähnlich. An einer Stelle sagt Jean-Luis Fournier einmal, er wolle nicht, dass von seinen Söhnen nur Fotos im Schwerbehindertenausweis bleibe. Aber leider bleibt nun von ihnen die Enttäuschung, die sie ihrem Vater bereitet haben, in Erinnerung. Ich empfand das Buch auch als sehr zynisch und anklagend. Positives kommt fast gar nicht vor. So sagt Fournier einmal, dass ihn seine Söhne oft - und zwar auch absichtlich - zum Lachen brachten, aber er versäumt es, diese Situationen zu schildern. Aus einem Fernsehbericht, so erzählt er verbittert im Buch, haben einmal die Redakteure seine Berichte über das gemeinsame Lachen mit seinen Söhnen herausgeschnitten. Warum nutzt er im Buch nicht die Gelegenheit, nun an dieser Stelle davon zu erzählen?
Keine Frage, es ist ein sehr hartes Schicksal, das ihn getroffen hat. Aber ich habe nicht den Eindruck gewonnen, dass er damit fertig geworden ist. Und ehrlich gesagt, haben mich seine Enttäuschung und seine Wut eher abgestoßen. Niemand kann etwas für dieses Schicksal, vor allem nicht seine Söhne.
Lili
24.10.2009 13:56:04
(34109 Beiträge)
Er hat doch davon erzählt, wie er über Situationen mit seinen Söhnen gelacht hat - z. B. als der eine das Kopfloch des Pullis nicht nehmen wollte, sondern seinen Kopf lieber durch ein 5cm großes Loch versucht hat zu pressen, bis es ihm durch Weiten des Lochs gelang.
Ich finde absolut nicht, dass Fournier zu sarkastisch ist, ganz im Gegenteil: Er schildert meiner Meinung nach eher, wie die Umwelt auf seine Söhne und ihn reagiert und dass die Menschen, die kein behindertes Kind haben, nicht verstehen können, dass man ganz anders auf seine Kinder reagiert, als man das bei "normalen" Kindern täte. So würde vermutlich kaum ein Elternteil es dulden, dass sein Kind einen Pullover kaputt reißt, um seinen Kopf durch ein anderes Loch zu pressen als das dafür vorgesehene. Hätten Fournier und seine Frau hingegen ihren Sohn daran gehindert dies zu tun, wäre vielleicht für ihren Sohn die Welt zusammengebrochen. Wer weiß?
Wer kein behindertes Kind hat, weiß definitiv nicht, was es bedeutet, mit einem solchen besonderen Kind zu leben. Sarkasmus ist ein Mittel, damit umzugehen, dass die Umwelt die Behinderung nicht akzeptiert, ja, dass die Umwelt den Eltern noch die Schuld dafür gibt, dass ihr Kind nicht so ist, wie es "sein sollte" bzw. dass sie es bekommen und sich nicht für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden haben. Allein der ständige Kampf, die bestmögliche Förderung für ein behindertes Kind zu bekommen, sich dauernd erklären zu müssen, was mit dem Kind anders ist, zermürbt ohne Ende.
Ich bin überzeugt davon, dass Fournier seine Kinder sehr liebt bzw. geliebt hat. Er schreibt aber auch sehr ehrlich, dass dies nicht immer leicht war. Und wer Kinder hat, weiß, dass es schon mit einem "normalen" Kind nicht immer leicht ist und man/frau manchmal einfach nicht mehr kann, mit einem bzw. zwei behinderten Kindern ist das Leben jedoch ungleich schwerer. Zumal auch die Umwelt es einem ständig schwerer macht - siehe die Abschaffung der geldwerten Vorteile fürs Autofahren, die Herr Fournier am Anfang nennt. Dies mag für Nichtbetroffene sarkastisch klingen, jedoch sind solche Dinge für Menschen, die auf ein Auto angewiesen sind, um ihre Kinder von A nach B zu transportieren, weil diese nicht mit den Eltern oder allein den Bus nehmen können, durchaus wichtig.
Wer das Buch unter diesen Aspekten liest, wird sicher eher verstehen, was Herr Fournier mit seinen Worten meint.
Ich finde absolut nicht, dass Fournier zu sarkastisch ist, ganz im Gegenteil: Er schildert meiner Meinung nach eher, wie die Umwelt auf seine Söhne und ihn reagiert und dass die Menschen, die kein behindertes Kind haben, nicht verstehen können, dass man ganz anders auf seine Kinder reagiert, als man das bei "normalen" Kindern täte. So würde vermutlich kaum ein Elternteil es dulden, dass sein Kind einen Pullover kaputt reißt, um seinen Kopf durch ein anderes Loch zu pressen als das dafür vorgesehene. Hätten Fournier und seine Frau hingegen ihren Sohn daran gehindert dies zu tun, wäre vielleicht für ihren Sohn die Welt zusammengebrochen. Wer weiß?
Wer kein behindertes Kind hat, weiß definitiv nicht, was es bedeutet, mit einem solchen besonderen Kind zu leben. Sarkasmus ist ein Mittel, damit umzugehen, dass die Umwelt die Behinderung nicht akzeptiert, ja, dass die Umwelt den Eltern noch die Schuld dafür gibt, dass ihr Kind nicht so ist, wie es "sein sollte" bzw. dass sie es bekommen und sich nicht für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden haben. Allein der ständige Kampf, die bestmögliche Förderung für ein behindertes Kind zu bekommen, sich dauernd erklären zu müssen, was mit dem Kind anders ist, zermürbt ohne Ende.
Ich bin überzeugt davon, dass Fournier seine Kinder sehr liebt bzw. geliebt hat. Er schreibt aber auch sehr ehrlich, dass dies nicht immer leicht war. Und wer Kinder hat, weiß, dass es schon mit einem "normalen" Kind nicht immer leicht ist und man/frau manchmal einfach nicht mehr kann, mit einem bzw. zwei behinderten Kindern ist das Leben jedoch ungleich schwerer. Zumal auch die Umwelt es einem ständig schwerer macht - siehe die Abschaffung der geldwerten Vorteile fürs Autofahren, die Herr Fournier am Anfang nennt. Dies mag für Nichtbetroffene sarkastisch klingen, jedoch sind solche Dinge für Menschen, die auf ein Auto angewiesen sind, um ihre Kinder von A nach B zu transportieren, weil diese nicht mit den Eltern oder allein den Bus nehmen können, durchaus wichtig.
Wer das Buch unter diesen Aspekten liest, wird sicher eher verstehen, was Herr Fournier mit seinen Worten meint.
24.10.2009 14:45:25
(12833 Beiträge)
Die Leseprobe hatte mich sehr beeindruckt, das Buch hingegen etwas enttäuscht.
Jean-Louis Fournier schreibt über seine beiden Söhne Mathieu und Thomas. Beide sind körperlich und geistig behindert zur Welt gekommen - ein Schicksal, dass man sich kaum vorstellen kann.
Anfänglich schreibt er, es solle ein Buch für und über seine Söhne sein - für mich liest es sich aber eher wie ein Buch über ihn selbst. Seine Probleme mit seinen beiden Söhnen, seine Enttäuschungen, auch seine Verbitterung über einen gleich doppelten Schicksalsschlag...
Zwischendrin blitzt immer mal wieder ein sehr schwarzer Humor auf, wahrscheinlich braucht man in so einer Situation einen gehörigen Zynismus, aber wirklich lustig liest es sich deswegen trotzdem nicht.
Trotzdem finde ich das Buch bewundernswert, der Autor schont niemanden, seine Söhne nicht (denen es aber egal sein dürfte), sich selber nicht und den Leser auch nicht.
Durch die relativ kurzen Absätze liest sich das Buch sehr schnell - das Nachdenken darüber nimmt dafür umso länger in Anspruch!
Jean-Louis Fournier schreibt über seine beiden Söhne Mathieu und Thomas. Beide sind körperlich und geistig behindert zur Welt gekommen - ein Schicksal, dass man sich kaum vorstellen kann.
Anfänglich schreibt er, es solle ein Buch für und über seine Söhne sein - für mich liest es sich aber eher wie ein Buch über ihn selbst. Seine Probleme mit seinen beiden Söhnen, seine Enttäuschungen, auch seine Verbitterung über einen gleich doppelten Schicksalsschlag...
Zwischendrin blitzt immer mal wieder ein sehr schwarzer Humor auf, wahrscheinlich braucht man in so einer Situation einen gehörigen Zynismus, aber wirklich lustig liest es sich deswegen trotzdem nicht.
Trotzdem finde ich das Buch bewundernswert, der Autor schont niemanden, seine Söhne nicht (denen es aber egal sein dürfte), sich selber nicht und den Leser auch nicht.
Durch die relativ kurzen Absätze liest sich das Buch sehr schnell - das Nachdenken darüber nimmt dafür umso länger in Anspruch!
28.10.2009 08:53:49
(34109 Beiträge)
So, jetzt hab ich das Buch ganz durchgelesen und möchte meine Meinung etwas revidieren. Bin eher Spatzis Ansicht:
3Nachdem ich die Leseprobe von Jean-Louis Fourniers Buch "Wo fahren wir hin, Papa?" und auch die ersten rund 50 Seiten des Buchs großartig fand, weil ich die Gedanken und Gefühle des Vaters zweier schwerbehinderter Kinder sehr gut nachempfinden konnte, wurden mir Herrn Fourniers Aufzählungen, was er alles mit seinen Kindern nicht unternehmen konnte und was die Jungen selbst niemals tun können, irgendwann zu viel.
Anfangs war ich noch der Ansicht: "Hey, das ist endlich mal ein Buch, in dem sich Betroffene wiederfinden!" Der Sarkasmus, den Jean-Louis Fournier an den Tag legt, wenn er über seine Kinder berichtet, mag für Nichtbetroffene ungewöhnlich klingen, ist aber eigentlich nur eine Art, mit der Behinderung umzugehen und den Mut nicht zu verlieren. Denn überall werden einem Steine in den Weg gelegt, wenn man ein behindertes Kind hat: angefangen beim zermürbenden Kampf mit Behörden, Krankenkassen und anderen Institutionen, um die bestmögliche Förderung für sein Kind zu erhalten, über die komischen Blicke anderer, wenn ein Kind nicht so ist, wie "es sein sollte", bis hin zu Bekannten, die nicht mehr anrufen, weil sie die Behinderung nicht ertragen können. Will man da seinen Lebensmut und seine Lebensfreude nicht verlieren, braucht man schon eine gewisse Portion schwarzen Humor.
Ich hatte mich gefreut, endlich mal ein Buch zu lesen, in dem ganz ehrlich beschrieben wird, dass es eben nicht immer leicht ist, "sein Schicksal anzunehmen" und dass man sein behindertes Kind nicht durchgehend als "Geschenk", sondern manchmal durchaus auch Last empfindet, wie Herr Fournier es ebenfalls schreibt. Schließlich sind Eltern, genauso wenig wie Kinder, keine Engel. Dennoch wurde aus seinen Äußerungen auch klar, dass Jean-Louis Fournier seine Kinder durchaus liebt, dass diese Liebe jedoch aufgerieben wird durch die äußeren Umstände. Was nämlich Nichtbetroffene nicht sehen, ist, wie viel Kraft es erfordert, tagtäglich den "Kampf" mit einer - beschönigend ausgedrückt - nicht gerade behindertenfreundlichen Umwelt aufzunehmen, und sich damit abzufinden, dass das Leben seiner eigenen Kinder ganz anders verläuft, als man es sich bei ihrer Geburt gewünscht hätte. Das Leben mit einem oder mehreren behinderten Kindern bedeutet nämlich auch Abschied von Träumen und Wünschen zu nehmen. So weit, so gut.
Was mich jedoch nach den ersten 50 Seiten anfing, extrem zu ärgern, war dieses ständige Gejammer: "Thomas und Mathieu können dies und jenes nicht machen ..." Irgendwann empfand ich das Buch nur noch als Aufzählung der Dinge, die die Kinder von Fournier eben aufgrund ihrer Behinderung nicht machen können. Ich hatte den Eindruck, dass sich hier nur noch Jean-Louis Fourniers Selbstmitleid Bahn brach. Und das war nicht mehr das, was ich von dem Buch erwartet habe. Schade!
3Nachdem ich die Leseprobe von Jean-Louis Fourniers Buch "Wo fahren wir hin, Papa?" und auch die ersten rund 50 Seiten des Buchs großartig fand, weil ich die Gedanken und Gefühle des Vaters zweier schwerbehinderter Kinder sehr gut nachempfinden konnte, wurden mir Herrn Fourniers Aufzählungen, was er alles mit seinen Kindern nicht unternehmen konnte und was die Jungen selbst niemals tun können, irgendwann zu viel.
Anfangs war ich noch der Ansicht: "Hey, das ist endlich mal ein Buch, in dem sich Betroffene wiederfinden!" Der Sarkasmus, den Jean-Louis Fournier an den Tag legt, wenn er über seine Kinder berichtet, mag für Nichtbetroffene ungewöhnlich klingen, ist aber eigentlich nur eine Art, mit der Behinderung umzugehen und den Mut nicht zu verlieren. Denn überall werden einem Steine in den Weg gelegt, wenn man ein behindertes Kind hat: angefangen beim zermürbenden Kampf mit Behörden, Krankenkassen und anderen Institutionen, um die bestmögliche Förderung für sein Kind zu erhalten, über die komischen Blicke anderer, wenn ein Kind nicht so ist, wie "es sein sollte", bis hin zu Bekannten, die nicht mehr anrufen, weil sie die Behinderung nicht ertragen können. Will man da seinen Lebensmut und seine Lebensfreude nicht verlieren, braucht man schon eine gewisse Portion schwarzen Humor.
Ich hatte mich gefreut, endlich mal ein Buch zu lesen, in dem ganz ehrlich beschrieben wird, dass es eben nicht immer leicht ist, "sein Schicksal anzunehmen" und dass man sein behindertes Kind nicht durchgehend als "Geschenk", sondern manchmal durchaus auch Last empfindet, wie Herr Fournier es ebenfalls schreibt. Schließlich sind Eltern, genauso wenig wie Kinder, keine Engel. Dennoch wurde aus seinen Äußerungen auch klar, dass Jean-Louis Fournier seine Kinder durchaus liebt, dass diese Liebe jedoch aufgerieben wird durch die äußeren Umstände. Was nämlich Nichtbetroffene nicht sehen, ist, wie viel Kraft es erfordert, tagtäglich den "Kampf" mit einer - beschönigend ausgedrückt - nicht gerade behindertenfreundlichen Umwelt aufzunehmen, und sich damit abzufinden, dass das Leben seiner eigenen Kinder ganz anders verläuft, als man es sich bei ihrer Geburt gewünscht hätte. Das Leben mit einem oder mehreren behinderten Kindern bedeutet nämlich auch Abschied von Träumen und Wünschen zu nehmen. So weit, so gut.
Was mich jedoch nach den ersten 50 Seiten anfing, extrem zu ärgern, war dieses ständige Gejammer: "Thomas und Mathieu können dies und jenes nicht machen ..." Irgendwann empfand ich das Buch nur noch als Aufzählung der Dinge, die die Kinder von Fournier eben aufgrund ihrer Behinderung nicht machen können. Ich hatte den Eindruck, dass sich hier nur noch Jean-Louis Fourniers Selbstmitleid Bahn brach. Und das war nicht mehr das, was ich von dem Buch erwartet habe. Schade!
03.11.2009 10:24:39

