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Ein Winter mit Baudelaire, Harold Cobert

 
Beitrag
erstellt am
Spatzi79

Spatzi79

(12833 Beiträge)

Harold Cobert schildert dem Leser in diesem Buch, wie schnell man aus einem scheinbar sicheren, geordneten Leben in den Abgrund rutschen kann. Philippe, sein Protagonist, und dessen Frau Sandrine lassen sich scheiden, sie wirft ihn aus der gemeinsamen Wohnung, er findet keine neue Bleibe, verliert kurz darauf noch seinen Job, darf keinen Umgang zu seiner geliebten Tochter mehr haben... und findet sich, nachdem das Geld zuende ist und er sich auch das billigste Hotelzimmer nicht mehr leisten kann, auf der Straße wieder.

Erschütternd, wie realitätsnah der Autor den Umgang der Menschen mit Obdachlosen schildert - man erkennt sich erschreckend genau wieder in den Beschreibungen der vorbeieilenden Menschen, die beschämt den Blick abwenden und das Elend am liebsten gar nicht sehen wollen.

Eine Zeitlang schlägt er sich so durch, aber irgendwann greift er zum Alkohol, obwohl klar ist, dass dies die Abwärtsspirale nur weiter beschleunigt.

Und dann erscheint sein persönlicher Schutzengel in Form eines streunenden Hundes, namens Baudelaire! Wo die Passanten peinlich berührt weggeschaut haben, um den menschlichen Penner nicht anschauen zu müssen, öffnet der Blick auf den Hund mit seinen Charme einen Weg zu ihren Herzen (und ein bisschen auch zu ihren Geldbeuteln). Mithilfe von Baudelaire findet Philippe Zugang zu Menschen, die ihm helfen, wieder Fuß zu fassen im Leben und als ihm jemand den Tipp zu einer Obdachlosen-Unterkunft gibt, in die er seinen Hund mitbringen darf, erfährt sein Leben eine Wendung.

Diese Organisation, die Obdachlosen und ihren Tieren eine Unterkunft auf einem Boot gewährt und Beratung durch Sozialarbeiter und Juristen bietet, gibt es tatsächlich in Paris. Harold Cobert schildert in einem dem Buch beiliegenden Faltblatt, dass er selbst einmal kurz davor stand, obdachlos zu werden und als er später einen Bericht über Le Fleuron sah, entstand in ihm die Idee zu diesem Buch.

Ein sehr schön und eindringlich geschriebenes Buch über ein ernstes, aktuelles Thema in der heutigen Gesellschaft, vor dem viele nur zu gerne die Augen verschließen.
19.07.2010 19:40:45
beme65

beme65

(3905 Beiträge)

Das Buch habe ich gerade ausgelesen. Lange hat mich kein Buch mehr so nachdenklich gemacht und traurig berührt wie diese Geschichte.
Ein besonderer Leseeindruck.
03.08.2010 21:06:00
engineerwife

engineerwife

(5737 Beiträge)

oh wie schön, das Buch hat mir eine liebe Tauschpartnerin versprochen *freu*
04.08.2010 08:00:15
Kleine_Raupe

Kleine_Raupe

(2891 Beiträge)

Das Buch möchte ich auch unbedingt lesen!
04.08.2010 09:13:55
engineerwife

engineerwife

(5737 Beiträge)

ich denk an dich, kleine_Raupe, wenn ich es habe und dann auch gelesen habe :-)
04.08.2010 09:39:04
Kleine_Raupe

Kleine_Raupe

(2891 Beiträge)

Danke engi! :-) Das sollte aber eigentlich kein Wink mit dem Zaunpfahl sein... ;-)
04.08.2010 09:51:39
engineerwife

engineerwife

(5737 Beiträge)

aber anhören tut sich das gut, gell? :-)
04.08.2010 09:57:30
Kleine_Raupe

Kleine_Raupe

(2891 Beiträge)

Ja, das hört sich sogar sehr gut an... ;-)))
04.08.2010 10:36:14
BineL

BineL

(18436 Beiträge)

Nun habe ich es auch gelesen:


Philippe, geschieden, eine 6-jährige Tochter, Wärmepumpenverkäufer aus Paris, muss die eheliche Wohnung verlassen, obwohl er bisher noch keine Bleibe gefunden hat. Doch die Frist, die ihm seine Ex-Frau gestellt hat, ist abgelaufen. Auch seine Arbeit als Wärmepumpenverkäufer läuft nicht gut, so dass ihm sein Chef unter Druck setzt. Als ihm dann noch ein Kollege einen großen Auftrag wegschnappt, kündigt er selbst.
Und so nimmt das Schicksal seinen Lauf. Bald kann er auch nicht mehr die Hotelrechnungen bezahlen, da er kein Arbeitslosengeld erhält. Philippe landet auf der Straße, schläft in Lüftungsschächten, manchmal auch in einer heruntergekommenen Obdachlosenunterkunft. Er schnorrt, trinkt billigen Rotwein und versucht nicht verrückt zu werden - bis er auf Baudelaire, einem streunenden Hund trifft, der ihn begleitet und ihm beim Betteln hilft. Baudelaire verändert Philippes Leben bzw. lässt Philippe wieder ins Leben zurückkehren und wieder Sinn in seinem Leben erkennen.

Ein sehr poetischer Roman über das Leben auf der Straße. Harold Cobert gelingt es, die Situation von Obdachlosen und wie sie von anderen wahrgenommen werden, mit einer sprachlichen Klarheit auf den Punkt zu kriegen. Er selbst hat im Vorfeld viele Gespräche mit Obdachlosen geführt und seine eigenen Vorurteile revidiert. So fordert der Autor seine Leser durch Philippes Schicksal auf, hinter die Kulissen zu blicken.

Fazit:
Ein sprachlich sehr schönes Buch über Menschen, die hauptsächlich im Winter zum Thema gemacht werden, wenn Obdachlose in der Kälte erfrieren. Er macht sie nun auch ganzjährig zum Thema und gibt zudem Hilfestellungen. Ein wirklich lesenswertes Buch, auch darüber, dass es auch heute noch Menschen gibt, die bereit sind zu helfen, was zum einen Mut macht und zum anderen anspornen soll, einander beizustehen.

12.08.2010 07:02:19