Autor:
Verlag:
Gollensten
Jahr:
1996
Seitenzahl:
300
ISBN:
9783930008315
Medium:
Hardcover
Sprache:
Deutsch
Zustandsbeschreibung
Gut, etwas hellbräunlich, Rezensionsexemplar, gekennzeichnet durch einen schön gestalteten Verlagsaufkleber im unteren rechten Eck des Vorsatzes, ungelesen.
Mit Illustrationen von Volker HEINLE.
Mit Illustrationen von Volker HEINLE.
Artikelbeschreibung
DAS ARRANGEMENT
Früh schon hatte Kleinmachnow begonnen, sich mit der Welt zu arrangieren, denn nur wirklich schöne Menschen eignen sich zu Rebellen. Spätestens seit seine vorderen Milchzähne nicht mehr in perfekt gefügter Reihenfolge standen, und die zweiten zuerst in wilder Anarchie, dann jedoch zusehends mit System sich zu schief im Munde sitzenden Orgelpfeifen entwickelten, stand fest, daß aus ihm kein eigensinniger Haudegen werden konnte. Mit der endgültigen Form seiner zweiten Zähne also kam zugleich ein Merkmal seiner künftigen Biographie zum Vorschein: Er würde immer etwas zu verbergen haben.
Bereits als kleiner Junge - die schlimmen Zweiten waren noch im Wachsen und längst nicht Gegenstaiid der Ulkerei - gewöhnte er sich an, seine Oberlippe langzuziehen und sie nachdenklich in seinen Unterkiefer zu vergraben, ja, selbst beim Sprechen seinen Mund so wenig zu bewegen, daß man die Schrägen darin nur mit Mühe entdecken konnte. Dies veränderte sein Gesicht und verlieh besonders seinem Kinn eine härtere Kontur, wie er vor dem Toilettenspiegel im Schlafzimmer seiner Mutter feststellte. Während ihm die Düfte von Mutters "Tosca" in die Nase stiegen (die ganze Parfüm-Abteilung ins KADEWE konnte später mit diesem Wohlgeruch nicht konkurrieren), machte er aus seinen komplizierten Sprechübungen kleine theatralische Ereignisse, sprach mit verteilten Rollen, was sich vor dem zweiflügeligen Spiegel gut einrichten ließ, riß die Augen auf, zog die Brauen nach oben, lispelte mit spitzen Lippen, versuchte zu schreien, ohne den Mund zu bewegen, sprach schnell und zischelnd oder leise rezitierend Verse aus Wilhelm Busch ...
GABRIELE WEINGARTNER, Kulturjournalistin und Literaturkritikerin, wurde 1948 in Edenkoben/Pfalz geboren, studierte Germanistik und Geschichte in Berlin und Cambridge (Massachusetts). Nach zwei Jahrzehnten im pfälzischen St. Martin lebt sie seit 2008 wieder in Berlin. Zahlreiche Literaturpreise und Stipendien, war u. a. unter den Finalisten für den Alfred-Döblin-Preis 2013, Mitglied des P.E.N.-Zentrums Deutschland. Veröffentlichungen (Auswahl): Bleiweiß (2000), Die Leute aus Brody (2005), Tanzstraße (2010), Villa Klestiel (2011), Die Hunde im Souterrain (2014), Geisterroman (2016) und Leon Saint Clairs zeitlose Unruhe (2019).
Produktbeschreibungen
Früh schon hatte Kleinmachnow begonnen, sich mit der Welt zu arrangieren, denn nur wirklich schöne Menschen eignen sich zu Rebellen. Spätestens seit seine vorderen Milchzähne nicht mehr in perfekt gefügter Reihenfolge standen, und die zweiten zuerst in wilder Anarchie, dann jedoch zusehends mit System sich zu schief im Munde sitzenden Orgelpfeifen entwickelten, stand fest, daß aus ihm kein eigensinniger Haudegen werden konnte. Mit der endgültigen Form seiner zweiten Zähne also kam zugleich ein Merkmal seiner künftigen Biographie zum Vorschein: Er würde immer etwas zu verbergen haben.
Bereits als kleiner Junge - die schlimmen Zweiten waren noch im Wachsen und längst nicht Gegenstaiid der Ulkerei - gewöhnte er sich an, seine Oberlippe langzuziehen und sie nachdenklich in seinen Unterkiefer zu vergraben, ja, selbst beim Sprechen seinen Mund so wenig zu bewegen, daß man die Schrägen darin nur mit Mühe entdecken konnte. Dies veränderte sein Gesicht und verlieh besonders seinem Kinn eine härtere Kontur, wie er vor dem Toilettenspiegel im Schlafzimmer seiner Mutter feststellte. Während ihm die Düfte von Mutters "Tosca" in die Nase stiegen (die ganze Parfüm-Abteilung ins KADEWE konnte später mit diesem Wohlgeruch nicht konkurrieren), machte er aus seinen komplizierten Sprechübungen kleine theatralische Ereignisse, sprach mit verteilten Rollen, was sich vor dem zweiflügeligen Spiegel gut einrichten ließ, riß die Augen auf, zog die Brauen nach oben, lispelte mit spitzen Lippen, versuchte zu schreien, ohne den Mund zu bewegen, sprach schnell und zischelnd oder leise rezitierend Verse aus Wilhelm Busch ...
GABRIELE WEINGARTNER, Kulturjournalistin und Literaturkritikerin, wurde 1948 in Edenkoben/Pfalz geboren, studierte Germanistik und Geschichte in Berlin und Cambridge (Massachusetts). Nach zwei Jahrzehnten im pfälzischen St. Martin lebt sie seit 2008 wieder in Berlin. Zahlreiche Literaturpreise und Stipendien, war u. a. unter den Finalisten für den Alfred-Döblin-Preis 2013, Mitglied des P.E.N.-Zentrums Deutschland. Veröffentlichungen (Auswahl): Bleiweiß (2000), Die Leute aus Brody (2005), Tanzstraße (2010), Villa Klestiel (2011), Die Hunde im Souterrain (2014), Geisterroman (2016) und Leon Saint Clairs zeitlose Unruhe (2019).
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