Autor:
Verlag:
Kein & Aber
Jahr:
1998
Seitenzahl:
196
ISBN:
9783906542027
Medium:
Hardcover
Sprache:
Deutsch
Zustandsbeschreibung
sehr gut
Artikelbeschreibung
Diesmal wurde es ein langer Brief zum kurzen Abschied: Was Roger Grafs Mörderjäger sich selbst auf 200 Seiten erzählt, hat mit den «haarsträubenden Fällen» des frühen Philip Maloney nichts mehr zu tun. Schon 1996, in dem Jahr, als das Maloney Spektakel «Tödliche Gewissheit» mit dem Burgdorfer Krimipreis ausgezeichnet wurde, schickte der Hörspiel und Krimiautor Roger Graf statt Maloney eine neue, ernsthaftere Figur auf die Pirsch nach der Wahrheit; der Neue war nur noch im Nebenerwerb Schnüffler. Und nun, in «Kurzer Abgang», Grafs jüngstem Roman, gibt es überhaupt kein private eye im klassischen Sinn mehr: Da kehrt einfach einer mit Midlifecrisis, Jetlag und Hangover aus Chicago heim nach Zürich, wo er jahrelang als Journalist bei einer Zeitung gearbeitet, aber vor seinem Abflug gekündigt hat, und findet in seiner Post eine Vorladung von der Bezirksanwaltschaft.
Mit dieser Vorladung beginnt eine Spurensuche, die nicht zum Bösen in der Welt, sondern zum Bösen im eigenen Herzen führt: Sue, eine uralte Wochendendaffaire des Journalisten, wurde ermordet aufgefunden. Ihr letztes Lebenszeichen ist ein wortloser Anruf auf seinem automatischen Anrufbeantworter. Wieso hat sie sich nach all der Zeit bei ihm gemeldet? Was hatte sie sagen wollen? Hätte er sie retten können, wenn er dagewesen wäre? All diese Fragen im Kopf, quält und säuft sich der Held durch die nächsten Wochen. Jack Daniels, Johnny Walker, Glenfiddich heissen die Kapitel: 19 Whisky-Sorten geben den Ton seiner Recherchen an. «Nach dem dritten Glas wurde die Welt runder. Keine scharfen Kanten mehr, keine Randschärfe mehr bei Bildern, das Leben bekam Meersicht.» Und mit Hilfe der Meersicht scheint sich sein Alltagstrott deutlicher herauszuschälen: die vielen vergeudeten Jahre auf dem Redaktionsstuhl, «neben mir all die Wachsgesichter»; sein Dasein wie eine Fahrt «mit angezogener Handbremse». Sue wird für den erschöpften Journalisten zur Ikone einer idealen Lebensweise: eine Frau «auf der Überholspur», radikal, kompromisslos, bereit, auf eine gesicherte Existenz zu verzichten.
Während der Ich-Erzähler auf einer Parkbank an der Sihlpromenade meditiert oder am Goldbrunnenplatz um die Lokale streift, um Sues Leben und Sterben zu begreifen, verschiebt sich unmerklich seine Perspektive: eine gefährliche, eine mörderische Entwicklung. Was E. A. Poe auf wenigen Seiten meisterhaft verdichtet, braucht hier allerdings seine Zeit. Zeit für die Schilderung des trübsinnigen Medienzirkus und der Tristesse der Stadt an der Limmat; Zeit fürs Eintauchen in die Zweifel und Zeit für den nächsten Schluck. Bisweilen dröhnt der Zürcher Blues doch recht heftig durch den Text. Aber trotz gelegentlich aufdringlicher Authentizität im melancholischen Sound fesselt der Roman gerade nicht durch seinen kriminalistischen Anstrich (mehr als ein Anstrich ist es nicht, Graf hat sich klammheimlich von seinem Genre verabschiedet); sondern er reizt durch sein Gespür für die ganz normalen Abgründe im Alltag. Den langen Brief, in dem er sich über sich selbst klar wird, nicht den mörderisch kurzen Abgang liest man gern.
Mit dieser Vorladung beginnt eine Spurensuche, die nicht zum Bösen in der Welt, sondern zum Bösen im eigenen Herzen führt: Sue, eine uralte Wochendendaffaire des Journalisten, wurde ermordet aufgefunden. Ihr letztes Lebenszeichen ist ein wortloser Anruf auf seinem automatischen Anrufbeantworter. Wieso hat sie sich nach all der Zeit bei ihm gemeldet? Was hatte sie sagen wollen? Hätte er sie retten können, wenn er dagewesen wäre? All diese Fragen im Kopf, quält und säuft sich der Held durch die nächsten Wochen. Jack Daniels, Johnny Walker, Glenfiddich heissen die Kapitel: 19 Whisky-Sorten geben den Ton seiner Recherchen an. «Nach dem dritten Glas wurde die Welt runder. Keine scharfen Kanten mehr, keine Randschärfe mehr bei Bildern, das Leben bekam Meersicht.» Und mit Hilfe der Meersicht scheint sich sein Alltagstrott deutlicher herauszuschälen: die vielen vergeudeten Jahre auf dem Redaktionsstuhl, «neben mir all die Wachsgesichter»; sein Dasein wie eine Fahrt «mit angezogener Handbremse». Sue wird für den erschöpften Journalisten zur Ikone einer idealen Lebensweise: eine Frau «auf der Überholspur», radikal, kompromisslos, bereit, auf eine gesicherte Existenz zu verzichten.
Während der Ich-Erzähler auf einer Parkbank an der Sihlpromenade meditiert oder am Goldbrunnenplatz um die Lokale streift, um Sues Leben und Sterben zu begreifen, verschiebt sich unmerklich seine Perspektive: eine gefährliche, eine mörderische Entwicklung. Was E. A. Poe auf wenigen Seiten meisterhaft verdichtet, braucht hier allerdings seine Zeit. Zeit für die Schilderung des trübsinnigen Medienzirkus und der Tristesse der Stadt an der Limmat; Zeit fürs Eintauchen in die Zweifel und Zeit für den nächsten Schluck. Bisweilen dröhnt der Zürcher Blues doch recht heftig durch den Text. Aber trotz gelegentlich aufdringlicher Authentizität im melancholischen Sound fesselt der Roman gerade nicht durch seinen kriminalistischen Anstrich (mehr als ein Anstrich ist es nicht, Graf hat sich klammheimlich von seinem Genre verabschiedet); sondern er reizt durch sein Gespür für die ganz normalen Abgründe im Alltag. Den langen Brief, in dem er sich über sich selbst klar wird, nicht den mörderisch kurzen Abgang liest man gern.
Schlagworte
Krimi Whisky Schnüffler
Diese Artikel könnten Sie auch interessieren
Gisa Pauly
Tickets:
3
Andreas Erlenkamp
Tickets:
3






