Autor:
Verlag:
Blanvalet
Jahr:
1999
Seitenzahl:
416
ISBN:
9783764500726
Medium:
Taschenbuch
Sprache:
Deutsch
Zustandsbeschreibung
1 x gelesen, Rücken minimal schief, Ecken nicht angestoßen, keine Mängel erkennbar.
Artikelbeschreibung
Catherine Hope, neununddreißig Jahre alt und meist verantwortungsbewußter, als ihr guttat, lauerte in den dichten Büschen vor der Wolsey-Mädchenschule und wartete. Die Schule lag zwar in einer üblen Gegend Nord-Londons, konnte aber auf glanzvollere Zeiten zurückblicken und war von einem weitläufigen Parkgelände umgeben, das zu Catherines Glück ausreichend Sichtschutz bot. So mußte man sich als Paparazzi fühlen oder, um pedantisch zu sein (ein weiterer von Catherines Fehlern, wie ihr Mann behauptete), als Paparazzo. Und sicher wäre kein Paparazzo von der Auswahl an erblühender weiblicher Jugend enttäuscht gewesen, die aus Wolseys Toren strömte. Obwohl schon Winter und nur noch wenige Wochen bis Weihnachten, bestand der Wolsey-Look aus einem winzigen Minirock, der unterhalb des braunen Schulblazers kaum zu erkennen war (natürlich hätten sie Wintermäntel tragen müssen, aber welche Mutter würde sich diesen Streß antun, wo man heutzutage schon froh sein mußte, daß sie überhaupt noch die Uniform anzogen), einer überdimensionalen Strickjacke, dicken braunen Strümpfen und klobigen Riesenschuhen. Der einzige Hinweis auf akademisches Potential, das Eltern in der Hoffnung, ihre Töchter an dieser Schule unterbringen zu können, von meilenweit weg hierherziehen ließ, war die Schultasche, die jedes Mädchen bei sich hatte, prall gefüllt mit Hausaufgaben für zwei Stunden, dem Anlaß für zahlreiche erbitterte Streitereien mit den Eltern, ob sie vor oder nach EastEnders angegangen würden. Catherine wußte, daß sie eigentlich nicht hier sein dürfte. Und erst recht sollte sie nicht in den Büschen lauern, sondern in sicherer Entfernung dort, wo sie selbst unterrichtete, Arbeitsblätter korrigieren, an einer Schule, die geographisch gesehen nur zwei Meilen weit weg lag, aber in puncto Privilegien Kontinente entfernt. Ihre Tochter Rachel würde sie umbringen, wenn sie erführe, daß sie hier war. Doch im Grunde war Rachel selbst daran schuld. Ein halbes Jahr vor dem Abitur, den Studienplatz in der Tasche, falls der Notendurchschnitt reichte, hatte Rachel sich in einen Alptraum von Tochter verwandelt, weigerte sich, ihre Hausaufgaben zu machen, verschwand bei der erstbesten Gelegenheit spurlos und lief in Klamotten herum, neben denen die Spice Girls geradezu dezent wirkten. Das schlimmste war allerdings, wie sie ihre Mutter behandelte - nämlich mit der Artvon Verachtung, die normalerweise Politessen und Päderasten vorbehalten ist. Catherine hatte die Nase voll. Konfrontation hatte nichts bewirkt. Vernunft war verlacht worden. Das einzige, was nun noch blieb, war miese Hinterlist. Der Gehsteig war mittlerweile voller Menschen, in erster Linie gutsituierte Mütter, die eindeutig nicht zu arbeiten brauchten, und gelegentlich ein versprengter Vater. Wie üblich war die Luft geschwängert von der elterlichen Paranoia, das Kind anderer Leute könnte die Erfolgsleiter womöglich schneller erklimmen als das eigene. »Miranda hat einen Studienplatz in Oxford angeboten bekommen«, prahlte eine Mutter. »Eleanor hat denen abgesagt«, entgegnete eine andere. »Archäologie wird nur in Manchester ordentlich gelehrt, meint sie. Wo verbringt Miranda denn ihr Überbrückungsjahr?« Bevor Catherine die Antwort auf diese brennende Frage erfuhr, lehnte sie sich unklugerweise vor und spießte sich dabei selbst an dem Stacheldraht auf, der Eindringlinge abhalten sollte und im Efeu verborgen war. Vor Schmerz aufjaulend, stolperte sie aus den Büschen und vor die erstaunten Blicke von Eltern, Schülern und - was am schlimmsten war - Rachels bester Freundin Stephanie.
Schlagworte
Familiengeschichte






