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Leseprojekt - PROUST

 
Beitrag
erstellt am
Leonina

Leonina

(110 Beiträge)

Es gibt mich noch.

Ich musste mich sehr eilen, um am Ball zu bleiben, aber dank Deiner hervorragenden Resumees, Atalante, verliert man ja nicht den Überblick. So komfortabel habe ich noch nie gelesen.

bei dem Abschnitt über das Lesen musste ich lachen: er schildert, wie er vom Text davongetragen wird und hemmt gleichzeitig den Nachen seiner Leser immer wieder durch Stromschnellen in Form von Betrachtungen in Sätzen, die man erst entwirren muss, um die Richtung seiner Gedanken verfolgen zu können.

Überhaupt scheint er sozusagen drei Arten von Texten zu vereinigen: die hinreißenden Bilder, die seine Erinnerungen provozieren, die liebevollen aber nicht sentimentalen Schilderungen der Gesellschaft, die ihn umgibt und die Betrachtungen am Rande in diesen mörderischen Sätzen.

Sosehr dies Buch autobiographisch ist, so scheint mir der Fokus nicht auf dem Knaben (jedes andere Wort wäre hier unangemessen) Marcel zu liegen, sondern wir sehen sozusagen das Milieu, das ihn umgibt, durch seine Augen. Das scheint mir das Thema seines Buches - Lebens zu sein.

Nur so nebenbei: ich glaube nicht, dass seine Mutter eine große Distanz zu ihm hat. Natürlich hat Personal für die alltäglichen Handreichungen gesorgt - stellt Euch nur vor, wie aufwändig das Baden eines Kindes damals war. Aber seine Mutter war, soweit ich weiß, Jüdin. Und die jüdischen Mütter sind für ihre liebevolle Zuwendung berühmt.

Übrigens kommt mir bei der Lektüre immer wieder Rilke in den Sinn, bei aller Verschiedenheit scheinen sie mir einiges gemeinsam zu haben.

Schlagworte: Proust 1871 - 1922, Rilke 1875 -1926. Fin de siecle, die auf das Äußerste verfeinerte Sprache, beide zarte hochsensible Knaben . . . Was meint Ihr?

Ich hätte nie gedacht, dass ich Proust spannend finden könnte, aber jetzt kann ich das Weiterlesen kaum erwarten.

Ich lese übrigens nebenbei St.Aubyn. Und ich muss sagen, das verträgt sich irgendwie. Merkwürdig, zunächst fallen einem ja die Unterschiede ins Auge.

Mich würde ja doch mal interessieren, wie groß unsere Lesergemeinde ist - - Haben wir heimliche Mitleser? Lasst mich bloß nicht im Stich. Alleine schaffe ich das, glaube ich, nicht.
05.06.2010 16:32:40
Atalante

Atalante

(9977 Beiträge)

Ich habe Dich schon ein bißchen vermisst, leonina. Aber da bist Du ja.

Von Rilke habe ich nur ein paar Gedichte gelesen und wieder vergessen und damit keine Ahnung. Darum kann ich zu Deinem Vergleich nichts sagen.

Seine Betrachtungen über das Lesen scheinen mir auch ein wenig selbstironisch. Doch da mag ich mich täuschen. Auf jeden Fall gehört die Ironie in seine Personenbeschreibungen.

Der Erzähler ist doch nicht mehr nur der Knabe, sondern der Erwachsene, der versucht die Erinnerungen des Knaben zu rekonstruieren. Die Gefühle und Erinnerungen sind die eines Kindes gemischt mit denen des Erwachsenen und beschrieben mit dem Wissen des Erwachsenen. Oder?
05.06.2010 17:40:36
sdulcamara

sdulcamara

(28670 Beiträge)

ich lese meist still mit.

dein letzter absatz, atalante, triffst es vorzüglich.
daher auch meine verwirrung beim lesen, denn ich versuche immer wieder mir das beschriebene kind vorzustellen und das funktioniert nicht.
mir scheint proust mischt eindrücke, gefühle und gedanken aus verschieden lebensabschnitten, ist er sich klar darüber, dass er das tut?
wenn ich das buch aus dieser sicht lese, möchte ich ihm ständig raten, er möge doch einen therapeuten aufsuchen und ihm nahe legen doch ein paar mittel zu nehmen.
das lenkt ungeheuer ab und es fällt mir schwer in die erzählung einzutauchen.

bei der episode mit dem onkel war ich verwirrt - was motiviert den jungen? er weiß genau, dass seine eltern und sein onkel nicht wollen, dass er diesen außerhalb der bestimmten besuchszeiten aufsucht und plant lange und hinterlistig, wie er es doch schaffen kann zu einer anderen zeit bei dem onkel aufzutauchen; bemerkt, wie unangenehm es ihm ist dass er unangemeldet kommt, erwähnt noch, dass der onkel ihn bittet diesen besuch nicht weiterzuerzählen und rennt dann nach hause und hat nichts besseres zu tun, als seinen eltern sofort davon zu erzählen? die naivität nehme ich ihm nicht ab. was hat der erwachsene autor dazu zu sagen?

insgesamt gewinne ich den eindruck, dass proust selbst möglciherweise nie wirklich erwachsen wurde.
06.06.2010 14:14:35
sdulcamara

sdulcamara

(28670 Beiträge)

die beschreibung blochs hat mich sehr amüsiert - kann sein, dass er ein alter ego prousts ist?
06.06.2010 14:15:49
Atalante

Atalante

(9977 Beiträge)

sdulcamara, nach Proust findet sich in fast allen seinen Personen etwas von ihm, das genaue Zitat liefere ich nach.

Logisch eigentlich, denn so muss es auch allen anderen Schriftstellern mit ihrem Personal gehen, ordentlichen Schriftstellern natürlich, die mit Herzblut und Hirnschmalz schreiben, weil sie schreiben wollen und müssen, und dies nicht alleine wegen des Geldes tun.

Bei manchen Autoren ist Schreiben auch Therapie, weshalb Dein Ratschlag zwar gerechtfertigt sein mag, sich aber trotzdem erübrigt. ;)

Das, was ich bis jetzt von Proust gelesen habe, macht auf mich jedoch gar nicht den Eindruck, daß dieser Bedarf besteht.

Deine Frage zur Onkelgeschichte ist gut. Ich habe mich mit kindlichem Nicht-Lügen-Können bzw. elterlicher Wahrheitserziehung begnügt und einfach weiter gelesen. Aber er hat ja schon zu Beginn der Episode eine Lüge benutzt.
Außerdem wird er in dieser Geschichte auch etwas älter als zwölf gewesen sein, denn er durfte ja bereits ins Theater, kannte die Schauspielerinnen und erhoffte sich Kontakt zur Demimonde.

Ich blättere mal zurück.

06.06.2010 14:51:09
Atalante

Atalante

(9977 Beiträge)

Korrektur, in dieser Szene war er mal 12 und noch nie im Theater (bS, S. 101), und gerade dies veranlasste ihn, den Onkel zur "Unzeit" zu besuchen, um eine der falschen Witwen oder richtigen Schauspielerinnen, auf jeden Fall die leicht verruchten Geschöpfe seiner Vorstellung anzutreffen. Gleichzeitig träumt er, daß der Onkel ihm diese Welt öffnen könnte, und er sich hoffnungslose Annäherung mittels Briefeschreiberei sparen könne. Da wird er etwas älter sein. Vielleicht so alt wie in den späteren Schuljahren, wenn er sich mit seinen Kameraden über neuen Stars austauschte. (bS, S. 102)

Er erzählt seinen Eltern zwar etwas verzögert, aber dennoch brühwarm von der Begegnung, weil er selbst davon "übermannt" wurde, und sich in seiner Naivität nicht vorstellen kann, das die Eltern dieses tolle Abenteuer wenig begeistern wird.

Über diese kindliche Naivität macht Proust sich ja gehörig lustig. Er räsoniert über sein starkes Gefühl der Dankbarkeit dem Onkel gegenüber. "Es war in der Tat so stark, daß ich zwei Stunden darauf, nach ein paar verworrenen Redensarten, die wie mir schien, meinen Eltern keinen ausreichenden Eindruck von der neuen Wichtigkeit meiner Person vermitteln konnten, einfacher fand, ihnen über meinen Besuch in allen Einzelheiten zu berichten."(bS, S.109)

06.06.2010 15:19:10
elfi67

elfi67

(62526 Beiträge)

ich bin zwar noch nicht bis zum ende des zu lesenden abschnitts vorgedrungen, hinke also hinterher, sehe die onkelaffäre aber genauso - er macht sich rückblickend über seine eigene naivität lustig, das habe ich genauso verstanden wie atalante.
07.06.2010 10:42:51
MissPhoenix

MissPhoenix

(10035 Beiträge)

Ich hinke auch hinterher (normalerweise komm ich bei der Arbeit immer zumindest ein bißchen zum Lesen, jetzt schon zwei Sonntage hintereinander Pustekuchen :( und danach nur Schlafen ;)
Deswegen befinde ich mich erst mitten im 2.Abschnitt und werd heute in den Abendstunden noch etwas weiterlesen. Bin aber weiterhin dabei, 2. Band ist auch schon bei mir eingetroffen :)
07.06.2010 15:20:56
Atalante

Atalante

(9977 Beiträge)

Muncy, Du hattest die Onkelaffäre ja schon längst erklärt, wie ich eben beim Rückblättern bemerkt habe. Da hätte ich mir meine lange Rede sparen können.

>>Leonina: "Sosehr dies Buch autobiographisch ist, so scheint mir der Fokus nicht auf dem Knaben (jedes andere Wort wäre hier unangemessen) Marcel zu liegen, sondern wir sehen sozusagen das Milieu, das ihn umgibt, durch seine Augen."

Ich muss noch einmal darauf zurück kommen. Sehen wir alles durch die Augen des Knaben? Sehen wir nicht durch die Augen des Erzählers, das, was der Knabe sieht, wodurch beim Erzähler wiederum andere Erinnerungen und Assoziationen entstehen, die er zusätzlich in die Geschichte einwebt?

In der Weißdornszene steht doch der Junge im Mittelpunkt.
08.06.2010 17:56:50
huuriluuri

Mitglied gelöscht

 

Letztendlich sehen wir alles durch die Augen des erwachsenen Erzählers, der mal mehr und mal weniger stark die Perspektive des Kindes einnimmt.

In der Weißdornszene kommt besonders deutlich die jungenhafte Sicht an der Stelle heraus, wo der Erzähler den Wunsch äußert das Mädchen zu ärgern, um ihr im Gedächtnis zu bleiben. Dieses fast religiöse Erlebnis, als er Gilberte zum ersten Mal erblickt und sich in sie verliebt, wird mit dieser Bemerkung komplett durchbrochen.


08.06.2010 18:28:06
Atalante

Atalante

(9977 Beiträge)

Ist das jetzt jungenhaft oder nicht eher erfahren? ;)

Könnt ihr Euch die Geste Gilbertes erklären? Ich kann mir darunter nichts vorstellen.

08.06.2010 18:30:34
huuriluuri

Mitglied gelöscht

 

Wieso erfahren? Das ist doch ein typisches Pausenhof-Verhalten.

Welche Geste sie gemacht haben könnte, habe ich mich auch gefragt.
08.06.2010 18:48:49
Leonina

Leonina

(110 Beiträge)

Ja, Atalante, das sehe ich genauso, dass das Reizvolle an den Betrachtungen des Kindes gerade das mehrfach Gefilterte ist. Proust ist ein raffinierter Autor. (oder?)

Sagt mal, sollten wir nicht vielleicht doch weiterlesen? Sonst können wir noch meinen 80. Geburtstag zusammen feiern.

Der 1. Teil endet bei mir auf Seite 248. Das bietet sich doch als Etappenziel an.

Was meint Ihr? - Oder habe ich schon etwas verpasst?

Liebe Grüße
10.06.2010 16:45:15
elfi67

elfi67

(62526 Beiträge)

ich bin euch auf den fersen - gestern die weißdornszene gelesen, hinzuzufügen habe ich im moment nichts, weiterlesen wäre okay, aber ich bitte um einen markanten abschnitt, weil wir ja doch nicht alle die gleiche ausgabe lesen.
10.06.2010 16:46:50
Atalante

Atalante

(9977 Beiträge)

Markanter als das Ende des ersten Teils geht's im Moment nicht. Weiterlesen ist eine gute Idee.

Danach kommt die Liebesgeschichte zwischen Swann und Odette. Das habe ich vor 26 Jahren im Kino gesehen, mit Alain Delon als Charlus. Vielleicht motiviert das die anderen Mitleser.
10.06.2010 17:23:35
huuriluuri

Mitglied gelöscht

 

Weiterlesen ist prima! :)

Den Film habe ich noch nicht gesehen. Vielleicht verleitet mich ja das zweite Buch dazu.
10.06.2010 17:37:34
Atalante

Atalante

(9977 Beiträge)

Mir hat der Film gefallen, die Schauspieler waren ebenfalls sehenswert. Soweit ich mich erinnere hatten Jeremy Irons und Ornella Muti die Hauptrollen.
10.06.2010 17:41:20
Atalante

Atalante

(9977 Beiträge)

Übrigens, wenn ihr mich auf meiner Seite besucht, dürft ihr ruhig mit eurem Tauschticketnick kommentieren, sonst erkenne ich euch ja nicht wieder. ;)
10.06.2010 17:45:55
elfi67

elfi67

(62526 Beiträge)

siehste mal, nicht mal nen überblick habe ich mehr.

bin jedenfalls angekommen am ende des letzten abschnitts. kleines luder, der kerl ;-)
10.06.2010 20:32:21
elfi67

elfi67

(62526 Beiträge)

bis wann lesen wir den rest des ersten teiles?

ich komme gerade von atalantes seite und bin begeistert! deine geruchserinnerung gefällt mir sehr, atalante, ich werde noch versuchen meine eigene in worte zu fassen ;-)
12.06.2010 07:40:51
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